Hier werden aus Patenschaften Freundschaften

Hier werden aus Patenschaften Freundschaften

Als Beate Grass 2014 ein Konzept für die Flüchtlingsbetreuung durch die Diakonie schrieb, wusste sie "ohne Ehrenamt macht das keinen Sinn". Der Erfolg der Flüchtlingspatenschaften gibt ihr heute Recht.

(RG) In der Bahnstraße sitzen an diesem Abend vier Flüchtlingspaten, zwei Mütter aus Syrien und dem Irak und eine ganze syrische Familie mit Beate Grass am Tisch. Sie möchten uns erzählen, was sie in den vergangenen Jahren aus Sicht der Paten und aus Sicht der Menschen, die einen Paten zur Seite gestellt bekamen, erlebt haben. "Diese Arbeit ist einfach schön. Man bekommt so viel mehr zurück, als man gibt", drückt Gerlind Boogs ihre Erfahrungen aus. Seit 2015 begleitet sie junge Flüchtlinge auf dem Weg in unsere Gesellschaft, hilft ihnen, wenn es in der Schule einmal schwierig ist, unterstützt sie beim Deutsch lernen und begleitet sie zum Jobcenter oder Amt, wann immer sie gebraucht wird.

Chafika Hajji aus Marokko wurde direkt von Beate Grass angesprochen, die
arabisch sprechende Paten suchte. Chafika hat die ersten Schuljahre noch in
Marokko absolviert und spricht ein wenig Hocharabisch. Beate Grass suchte einen Paten für eine syrische Familie mit sieben Kindern. Als sich herausstellte, dass sich Chafika mit der Familie verständigen kann, hat sie zugesagt. Heute ist Amira mit ihrer Familie nicht einfach nur "ein Schützling".

Die beiden haben Freundschaft geschlossen, verstehen sich gut. Die Kinder sind zum Teil im selben Alter und spielen miteinander, denn inzwischen wohnen sie ganz in der Nähe. "Amira und ihre Familie sind nach dem Tod meines Vaters in das Haus gezogen, in dem auch ich aufgewachsen bin. Das ist schön, weckt bei mir Erinnerungen, wenn ich Amira besuche", erzählt
Chafika. Und dann lachen die Beiden, nachdem Amira auf ihr Handy geschaut hat. "Amiras Mann kocht gerade zu Hause, weil sie hier sitzt.

Wenn sie gleich nach Hause kommt, steht das Essen auf dem Tisch. Das hätte es in Syrien so nicht gegeben", erklären die Beiden. Amiras Mann musste lernen diese Aufgaben mit zu übernehmen. Zuerst hat er einen Deutschkurs besucht, nun ist Amira an der Reihe und er kümmert sich in der Zeit um die Kinder. Sie sind gerne hier in Deutschland, aber sie vermissen auch ihre Heimat, die zurückgebliebene Familie und Freunde. Die Hoffnung, dass Syrien irgendwann wieder aufgebaut wird und Frieden einkehrt, haben
sie noch nicht aufgegeben.

Als Beate Grass 2017 Jutta Gärtner das Ehepaar Asis vorstellte, das mit drei Kindern zu uns geflohen war, sagte diese sofort "Das mache ich". Die Familie gehört zu den jesidischen Irakern, sprach damals nicht ein einziges Wort Deutsch. Anfangs hat sie die Familie zweimal in der Woche besucht und mit der Mutter Deutsch geübt. Dabei nutzte sie die Bücher des Familienvaters, der bereits einen Deutschkurs besuchte. Inzwischen besucht die Mutter einen Alphabetisierungskurs, um unsere Schrift zu lernen und sie lernt schnell. Überhaupt, sind sich die Paten einig, lernen die Frauen erstaunlich schnell, meist schneller als ihre Männer, wenn denn in der Zwischenzeit für die Kinder gesorgt ist.

Und dann erzählen Reinhard Boehm und seine Schützlinge von ihren Erlebnissen. Er betreut eine syrische Familie mit vier Kindern, das jüngste ist hier geboren und brabbelt auf dem Arm der Mutter laut vor sich hin. Wenn man den drei älteren Geschwistern zuhört, ist man überzeugt, dass das die ersten deutschen Töne sind. Shahed ist die Älteste und wird bald dreizehn. Sie kommt gerade vom Geigenunterricht, deshalb sind sie, ihre drei jüngeren Brüder, Eltern und Reinhard Boehm erst später dazugekommen. Shahed besucht die sechste Klasse in der Realschule. Ihr Bruder Yassin wird bald zwölf und besucht ebenfalls die Realschule, eine Klasse unter ihr. Bruder Mahmoud ist acht und besucht die zweite Klasse in der Sechseckschule.

Alle drei können sich perfekt in Deutsch verständigen, sind aufgeweckt und offen. Die Familie hat in Damaskus gewohnt. Der Vater besucht hier Deutschkurse, spricht neben Arabisch aber auch Englisch und war in Syrien Personalleiter einer großen Baufirma. Seit gut einem Jahr wohnt die Familie nun in einer eigenen Wohnung. Eins wird an diesem Abend deutlich: Die Menschen, die hier sitzen, hatten ernste Gründe ihre Heimat zu verlassen, aber sie können auch wieder lachen und sie beherrschen inzwischen sogar zu einem guten Teil unseren deutschen Humor.

Das Konzept der ehrenamtlichen Flüchtlingspaten geht auf und Beate Grass würde sich über weitere Menschen, die eine Patenschaft übernehmen möchten, freuen. Wer jetzt neugierig ist und den Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturkreisen sucht und sie gern bei den ersten Schritten in unsere Gesellschaft begleiten möchte, kann sich unter der Telefonnummer 0211/28070345 bei Beate Grass von der Diakonie in Erkrath melden.