Im Gespräch mit Dieter Thelen und Lyralyn Helling merkt man den beiden die Zukunftssorgen und die Enttäuschung gegenüber der Stadtverwaltung und der Politik sichtlich an.
(v.li.) Tim Wappler (Digitalisierungsbeauftragter jobcenter ME-aktiv), Matthias Stein und Hasan B.Gül (beide aus der Leistungsabteilung jobcenter ME-aktiv) sowie Yassmin Salmi-Lachhab und Anna Bechtgold (Arbeitsvermittlung Integration Point) bei dem vergangenen Aktion im Begegnungszentrum "Hand in Hand".
Foto: Ria GarciaDer Freundeskreis für Flüchtlinge e.V. feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen, doch über dem runden Geburtstag schwebt eine dunkle Wolke. Zwei Probleme gilt es für den Verein, der sich seit vier Jahrzehnten mithilfe vieler ehrenamtlicher Bürger dafür engagiert, dass Menschen mit Migrationshintergrund und Flüchtlinge in der Stadt Fuß fassen können, zu lösen: Wie kann weiterhin die Miete in den Räumlichkeiten des Begegnungszentrums „Hand in Hand“ am Europaplatz bezahlt werden, wenn Stadtverwaltung und Politik sich im Rahmen des Haushaltssicherungskonzeptes dazu entschließen, ab 2028 nicht mehr den Zuschuss von 10.000 Euro jährlich zu zahlen?
Das zweite Problem, die Finanzierung der zwei Teilzeitstellen von 50.000 Euro jährlich, die nun mit der Absage durch den Haupt- und Finanzausschuss, sogar schon ab August fehlt, scheint aktuell ein Unlösbares zu sein. Die Finanzierung einer Teilzeitkraft in 2025 wurde durch die Förderung der Stadt Erkrath in Höhe von 25.000 Euro gewährleistet. Die zweite Teilzeitkraft wurde in 2025 durch eine auf zwölf Monate begrenzte Förderung in Höhe von 10.000 Euro durch die UNO-Flüchtlingshilfe, durch private Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert.
„Die Argumentation im Ausschuss, dass die Beratungen in unserem Bereich zurückgegangen sind, mag zwar unter Betrachtung der nackten Zahlen stimmen, jedoch wird hier nicht beachtet, dass die Beratungen dafür umso komplexer geworden sind. Das bedingt auch eine permanente Schulung neuer Ehrenamtler in Bezug auf Vertrags- und Antragswesen und den Umgang mit den jeweiligen Behörden, die durch unsere beiden Teilzeitkräfte gewährleistet wird. Sie stehen während der Beratungen durch Ehrenamtler auch für fachliche Rückfragen zur Verfügung“, sagt Dieter Thelen. „Wir betreuen die Hilfesuchenden in allen alltäglichen Fragen.“
Im Portfolio des Vereins heißt es unter anderem, dass sich dieser durch eine umfassende Unterstützung bei Antragstellungen auszeichnet und einen kontinuierlichen Kontakt und Austausch mit verschiedenen Behörden wie das Jobcenter Mettmann, die Ausländerbehörde, dem Sozialamt, der Einbürgerungsbehörde, der Familienkasse, der Elterngeldkasse und vielen weiteren pflegt. „Diese Aufgaben kann eine Stadtverwaltung nicht übernehmen und es ist auch gar nicht ihre Aufgabe“, so Thelen.
„Wir bieten kompetente Hilfe bei Schriftverkehr und Problemlösungen in Bezug auf eine Vielzahl von Angelegenheiten an. Dazu gehören Fragen rund um Krankenversicherung, Schulanmeldungen, Arztangelegenheiten und mehr.“ Ein weiterer zentraler Bestandteil der Arbeit des Vereins ist die Bewerbungsunterstützung im Bereich der Arbeitssuche.
835 Menschen wurden seit 2021 (Beginn der digitalen Dokumentation) vom Freundeskreis für Flüchtlinge beraten und betreut. Von Januar 2021 bis Dezember 2025 wurden insgesamt 6008 Beratungsgespräche geführt.
Auch die Sprachförderung wird durch den Verein abgedeckt. Sie ist der Schlüsselaspekt für eine erfolgreiche Integration. „Mittwochs und donnerstags finden bei uns im Begegnungszentrum ‚Hand in Hand‘ niederschwellige Angebote in Form eines Sprach-Cafés statt. Außerdem gibt es Unterstützung im Bereich der Prüfungsvorbereitungen und Lerntreffs mit individuellem Deutschunterricht in Kleingruppen.“
Auch der Sprachunterricht mit Kinderbetreuung wird von vielen geflüchteten Müttern genutzt. Dieser findet in Kooperation mit der Caritas Mettmann, der Aktion Neue Nachbarn und dem katholischen Bildungsforum des Kreises Mettmann statt. Das Engagement des Freundeskreises für Flüchtlinge wurde von der Europäischen Kommission als beispielgebend anerkannt: Das Projekt „Wir halten zusammen - Wir kommen gemeinsam an“ wurde auf der offiziellen Plattform der EU für Integration als Leuchtturm-Projekt veröffentlicht.
Das Begegnungszentrum „Hand in Hand“ steht anderen Institutionen und Vereinen für ihre Treffen und Veranstaltung zur Verfügung. So treffen sich hier beispielsweise regelmäßig die „Omas gegen Rechts“ und das „Aktionsbündnis für Demokratie“. Der Freundeskreis veranstaltet Aktionen wie die Ladies Night, Oster – und Fanus-Basteln für Kinder und vieles mehr.
Durch den vom Freundeskreis organisierten Trödelmarkt, durch den ersten Adventsbasar nach sehr langer Zeit und weiteren Aktionen auf dem Europaplatz wurde dieser Ort wieder ein wenig belebt.
In einem Schreiben des Vereins an den Bürgermeister der Stadt Erkrath Christoph Schultz und an die Fraktionsvorsitzenden vom 14. Januar (welches der Redaktion vorliegt) heißt es unter anderem: „Der Freundeskreis für Flüchtlinge leistet seit vielen Jahren integrations- und sozialpolitische Arbeit, die überwiegend ehrenamtlich getragen wird und kommunale Strukturen ergänzt. (...) Ehrenamtliches Engagement dieser Größenordnung ist dauerhaft jedoch nur tragfähig, wenn es durch eine verlässliche Koordination unterstützt wird. Ein Personalkostenzuschuss dient nicht dem Aufbau paralleler Strukturen, sondern der Sicherung und Bündelung des bestehenden Engagements. Ohne diese Unterstützung besteht die Gefahr, dass die Angebote eingeschränkt werden müssen und Aufgaben mittel- bis langfristig wieder verstärkt bei der Stadt selbst anfallen.“
Laut dem Freundeskreis für Flüchtlinge beliefen sich die Zuschüsse der Stadt Erkrath in 2025 auf insgesamt 36.000 Euro. Diese setzen sich aus 25.000 Euro Personalkostenzuschuss, 10.000 Euro Mietkostenzuschuss sowie einem pauschalen Zuschuss in Höhe von 1.000 Euro für die Vereinsarbeit zusammen. Die Zuschüsse der Stadt stellen dabei die zentrale strukturelle Grundfinanzierung für Personal und Räumlichkeiten dar. Die übrigen Mittel bestehen überwiegend aus projektbezogenen, zeitlich befristeten Förderungen sowie aus Spenden und Eigenmitteln und sind nicht geeignet, diese strukturellen Aufgaben dauerhaft zu ersetzen.
In dieser Woche bot der Freundeskreis für Flüchtlinge gemeinsam mit dem Jobcenter Mettmann im Begegnungszentrum „Hand in Hand“ Hilfe bei der Anmeldung für das „Jobcenter digital“ an. In jedem der für diesen Tag festgelegten fünf Zeitfenstern konnten gleichzeitig mehrere Leistungsempfänger die kompetente Hilfe in Anspruch nehmen. „Alle Seiten waren begeistert von dieser Aktion, die auch in Zukunft bei uns angeboten werden soll“, so Dieter Thelen. Als Ansprechpartner waren neben Vertretern des Freundeskreises für Flüchtlinge, Mitarbeiter der Leistungsabteilung des Jobcenters, Mitarbeiter des sogenannten „Integration Point“ und der Digitalisierungsbeauftragte des „jobcenter ME-aktiv“. So konnten die Leistungsempfänger nicht nur registriert werden, sondern auch gleich mit den Mitarbeitern individuelle Sachverhalte klären. Am Ende der Veranstaltung waren sich alle einig – das muss wiederholt werden.
„Trotz der derzeitigen angespannten Haushaltslage in Erkrath und unserer eigenen Situation als Verein sind wir zuversichtlich, dass wir unsere Arbeit fortsetzen können, sofern wir eine entsprechende Lösung zur finanziellen Förderung finden.“