Nachlese: "Highway Number Zero" - Theater von und mit Beate Sarrazin mit anschließender Poetry Nacht Ein bunter Blumenstrauß der Kreativität im Theater Anderswo

Hochdahl · Alle kennen diese russischen Matroschkas, auch „Puppe in der Puppe“ genannt. Da ist eine Puppe, darin noch eine Puppe, und darin noch eine Puppe, und noch eine Puppe. So ähnlich, und das ist ganz bewusst so, ist auch Beate Sarrazins Stück „Highway Number Zero“ gebaut, das sie am vergangenen Samstag in ihrem Theater Anderswo im ersten Teil des Abends spielte.

Szenenfoto aus "Highway Number Zero".

Foto: Theater Anderswo

Mit „Highway Number Zero“ hat Beate Sarrazin ein Stück entwickelt, das eine Mischung ist aus eigenen Beobachtungen und Fantasie: Eine Frau, alleine, außergewöhnlich und mit leichter Tendenz zur Schizophrenie, findet sich nach einem langen Marathon des Lebens in der Nacht auf der Straße wieder und wartet darauf, abgeholt zu werden. Von wem? Das weiß nur sie. Das wissen wir nicht. Und dort geschehen magisch Dinge.

Die Zuschauer verfolgten das bewegende Stück gebannt und voller Spannung. „Es war eine große Freude,“, so Moni K., „das phantasievolle, sehr anrührende Stück ‚Highway Number Zero‘ genießen zu dürfen.“ Beate Sarrazins Spiel hatte etwas Leichtes, Beschwingtes, und ausgesprochen Humorvolles, war sehr kontrastreich, und die eingestreuten Spielszenen mitsamt all den Rollenwechseln waren von besonderem Witz. Und doch war die zugrunde liegende Dramatik deutlich spürbar. In der Mitte des Stücks versucht die Protagonistin sogar, einen alten Telefonhörer in der Hand haltend, mit dem Jenseits zu telefonieren. Aber niemand hört sie. Kommentar von Andrea L: „Du hast toll gespielt. Dein Stück hat es in sich. Es ist sehr humorvoll, traurig, melancholisch. Steckt viel drin in dem Stück. War sehr schön.“

Für den zweiten Teil des Abends hatte Beate Sarrazin zu einer Poetry Nacht eingeladen. Insgesamt neun Personen bereicherten mit sehr unterschiedlichen und abwechslungsreichen Darbietungen das Programm. Es war ein bunter Blumenstrauß an Kreativität. Die Zuschauer konnten zum Beispiel eine ausdrucksstarke überzeugende Marlene Dietrich erleben, und den Abschluss bildete ein hoch aktuelles Anti-Kriegs-Gedicht, das unter die Haut ging. „Ein sehr schöner Austausch zwischen Menschen“, so Claudia S., „und die Seele ging auf.“

Beate Sarrazin schlug eine Brücke zwischen Deutschland und Brasilien und stellten den brasilianischen Poeten Aelson Prates vor, der die kürzlich erschienene Anthologie „Farol de Letras“ gleich „Leuchtturm der Poesie“ mit Gedichten bereichert hat und aufgrund der riesigen Entfernung leider nicht persönlich ins Theater Anderswo kommen konnte. Sie präsentierte einen bewegenden Text über den Rio Jequitinhonha, der die Stadt Almenara in Minas Gerais Brasilien durchfließt und der durch Eingriffe des Menschen seine Kraft und Schönheit verloren hat, so dass es zu Trockenheits-Problemen und Überschwemmungen kommt. Und sie sprach von dem verloren gegangenen „Praia de Saudade“ gleich „Strand der Sehnsucht“ mit einfühlsamer Nostalgie. Dann trug Beate Sarrazin zwei von ihr verfasste Nachdichtungen zu den im Original portugiesischen Gedichten aus „Farol de Letras“ vor, und das Publikum ging mit und war sehr berührt.

Den Nachdichtungen folgte ihre Präsentation des Originals auf Portugiesisch. „Wie wunderbar du Gedichte vorträgst“, meinte Brigitte S., „bewegend und schön.“ Es war zunächst das Gedicht „Enchentes de 1979“" (Überschwemmumgen von 1979), in dem es um den Rio Jequitinhonha geht: 2Durch deine Wellen fließt / der Sonne Licht, / alles ist jung, / nichts ist getan...“. So der Anfang.

Beate Sarrazins zweite Nachdichtung war zu dem Gedicht „Passagem“, was soviel wie Reise, Übergang, Lebensreise bedeutet, ein Gedicht zum Thema Vergänglichkeit. „Noch sind die Schatten lang / und auch die Stunden. / Vorüber zieht Gesang...2 heißt es zu Beginn.

Das Publikum war begeistert und applaudierte lange. Der Theater-Abend war sehr gut besucht, und es war ein vielfältiges, lebendiges und altersmäßig ganz gemischtes Publikum gekommen, von 15 Jahren an aufwärts. Etliche Gäste blieben nach der Vorstellung noch lange, und es kam zu schönen Gesprächen und Begegnungen.