Nachlese: Poetry Slam in der Stadthalle Super Stimmung, exzellente Wortakrobaten

Alt-Erkrath · Nachdem die Poetry Slams auf Erkrather Boden bisher alle in Stocki‘s Bistro stattfanden, wechselte man im Dezember zu einem „Best of“ in die Erkrather Stadthalle.

Moderator Jan Schmidt.

Foto: Timo Kremerius

Bei diesem Literatur-Contest, der darauf abzielt, das Publikum gleichermaßen zum Lachen, zum Grübeln und zum Staunen zu bringen, ist der Zuschauer der alleinige Richter. Die Regeln sind dabei so einfach wie genial: Maximal zehn Minuten Vortragszeit für ausschließlich selbst geschriebene Texte, wobei alle Stilrichtungen – von Comedy und Lyrik bis hin zu Gesellschaftskritik – erlaubt sind. Entschieden wird über Sieg und Niederlage durch die Intensität des Applauses. War es einst auf der Wartburg der Wettstreit der Liedermacher, so durfte sich das Erkrather Publikum auf einige der besten und beliebtesten Wortkünstler des Landes freuen. Nach der gewohnt wortgewandten Ankündigung und Einleitung von Moderator Jan Schmidt, dessen Markenzeichen – ähnlich wie bei Ringansager Michael Buffer mit seinem „Let’s get ready to rumble!“ – das Publikum in Stimmung brachte, startete der Abend mit einer Reihe beeindruckender Auftritte, die die gesamte Bandbreite des Formats abdeckten.

Ein Poetry Slam lebt vom Kontrast: dem Unerwarteten, dem Absurden und der perfekten Pointe. Und genau das lieferte Tobias Beitzel, der Profi-Slammer und erste Redner des Abends, obwohl er von Bad-Berleburg nach einer zweistündigen Verspätung der Deutschen Bahn geradezu auf die Bühne stürmen musste. Routiniert ließ er sich den Stress nicht anmerken.

Siegerin Dilara Yüksek.

Foto: Timo Kremerius

Beitzels Weg zur Geschichte begann ungewöhnlich: Zuerst inspirierte ihn ein True-Crime-Podcast über zwei Männer aus Sachsen, die über das mittlerweile geschlossene Portal kinox.to – absurd genug – angeblich 2,2 Milliarden Bitcoin „verdient“ hatten. Diese Jagd nach Kriminellen brachte ihn auf das Thema, das die Nation Anfang 2024 beschäftigte: die Festnahme des ehemaligen RAF-Mitglieds Daniela Klette und die weiterhin flüchtigen Komplizen Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg.

Die Polizei hatte eine umfangreiche öffentliche Fahndung nach den beiden fast 70-jährigen Männern gestartet. Die Nervosität in Deutschland war spürbar. Dies führte im Laufe des Jahres zu mindestens sechs offiziellen Festnahmen von jeweils zwei Männern, die sich im Nachhinein alle als unschuldig herausstellten.

Genau hier setzte Beitzel an, um die Absurdität der Situation auf die Spitze zu treiben. Seine Protagonisten: Die zwei befreundeten Rentner Walter und Manfred, die sich auf einem gemütlichen Ausflugsdampfer auf der Spree in Berlin die Zeit vertreiben. Walter beklagt gerade, dass ihr Leben nur noch aus Langeweile und dem Blättern in Urnenkatalogen bestehe, als das Idyll jäh beendet wird. Plötzlich umzingeln mehrere Schnellboote den Dampfer. Schwarzvermummte Einsatzkräfte der GSG 9 stürmen mit gezückten Maschinenpistolen auf das Deck. Die Zuschauer im Slam lachten bereits, als die Beamten die Festnahme ausriefen. Als ein vermummter Beamter auf Walter zueilte und laut rief: „Volker Staub, Sie sind festgenommen als Angehöriger der RAF!“, war es nicht der vermeintliche Terrorist, der reagierte, sondern sein Kumpel Manfred.

Manfreds trockener Konter – die perfekte Punch Line für den Slam – ließ das Publikum johlen: „Na toll, ich dachte mir schon immer, dass mit dir was nicht stimmt.“

Mit dieser Mischung aus hochpolitischer Brisanz und norddeutschem Witz hatte Tobias Beitzel den Auftakt des Abends triumphal gemeistert und bewiesen: Selbst die nervöseste bundesweite Fahndung kann die Grundlage für beste Comedy sein.

Nach der absurden Spannung um RAF-Rentner und GSG 9 brauchte das Publikum des Poetry Slams eine erdende, warme Stimme. Und die lieferte Heidi Daniels aus Ratingen. Als zweite Vortragende des Abends betrat sie die Bühne und nahm die Zuhörer mit auf eine Reise, die zwar nur wenige Wochen dauert, aber das Leben einmal im Jahr fundamental verändert: die Weihnachtszeit.

Heidi Daniels wählte einen persönlichen, fast intimen Zugang. Sie präsentierte eine Geschichte, die sie ursprünglich für ihren eigenen Sohn geschrieben hatte, und machte sie damit zu einem Geschenk an alle Anwesenden. Ihr Vortrag war meisterhaft in Reimform gehalten und nutzte die Rhythmik, um die chaotische, aber liebenswerte Realität des Dezembers einzufangen. Sie beschrieb schonungslos den Weihnachtsstress, die Suche nach Geschenken, die Terminflut, aber setzte dem sofort das Gegenbild entgegen: Das Funkeln der Lichterketten, die veränderten Räume, die durch Tannenduft und Kerzenschein plötzlich feierlich und fremd wirken, das tief empfundene Gefühl von Liebe und familiärer Nähe, das alle Mühen aufwiegt. Heidi Daniels beschrieb detailliert all jene feinen Schwingungen und Veränderungen, die Kinder in diesen Wochen so intensiv erleben. Wie sich die Welt für sie entschleunigt und gleichzeitig mit Magie auflädt. Wie die Stunden zwischen Nikolaus und Heiligabend eine ganz eigene, träumerische Qualität bekommen. Am Ende fasste Heidi Daniels die ganze Faszination dieser Zeit in einem einzigen, wunderschönen Satz zusammen, der die Herzen der Zuhörer direkt traf und ihr eine Welle des Applauses einbrachte: „Weihnachten ist ein Gefühl.“

Nach der herzlichen Melodie von Heidi Daniels betrat ein Meister der Wortakrobatik und Körpersprache die Bühne: Philipp Scharrenberg. Der vielfach ausgezeichnete Slammer aus Bonn begrüßte das Publikum mit einer melancholischen Liebeserklärung an seine Heimatstadt, die er seit dem Verlust des Hauptstadttitels („seit man der Hauptstadt das ‚Haupt‘ genommen hatte“) als zunehmend traurig empfand. Scharrenberg, bekannt für seine bissigen politischen Kommentare, nutzte seine kurze Vorstellung für einen kurzen, aber effektiven Seitenhieb auf die aktuelle politische Führung. In seiner gewohnt gereimten Manier nannte er den amtierenden Kanzler, Kanzler Fritz, den „menschgewordenen Gallenstein“. Dies war jedoch nur das Aufwärmprogramm für das, was folgte: eine rasante, absurde und körperlich beeindruckende Hauptgeschichte über das Reich der Krabbeltiere.

Scharrenbergs Hauptvortrag entwickelte sich zu einem schwindelerregenden Ritt durch die Welt der Insekten, wobei er jedes Tier zu einer bitterbösen oder komischen Metapher für menschliche Verhaltensweisen machte. Die Spinnen: Sie hingen natürlich immer im Netz – vor allem der „Spinner aus dem WWW“, eine Anspielung auf die digitalen Trolle und Verschwörungstheoretiker. Die Bienen: Ein ständiges Stöhnen ging von ihnen aus; ihr einziger Ruf: „Bee too!“, eine satirische Anspielung auf die #MeToo-Debatte. Die Hummeln: Sie kämpften mit permanentem Bodyshaming aufgrund ihrer vermeintlich aerodynamisch unmöglichen Statur. Die Gottesanbeterin: Sie hielt sich nicht lange mit langwierigen Scheidungsprozessen auf – eine blutige, aber effiziente Lösung. Der Mistkäfer: Er rollte seinen sprichwörtlichen Mist überallhin und vor fremde Türen, ein treffendes Bild für üble Nachrede und Verleumdung.

Die Geschichte war wild, herrlich lustig und inhaltlich dicht, doch was das Publikum am meisten beeindruckte, war Scharrenbergs Vortragsweise selbst. Mit vollem Einsatz seines ganzen Körpers wurde er zu jedem Tier, das er beschrieb. Er zappelte, krabbelte, schwang und summte sich durch die Zeilen. Philipp Scharrenberg füllte die Bühne komplett aus und verwandelte den Slam in eine One-Man-Show, die schauspielerisch ebenso überzeugte wie textlich. Das Publikum feierte ihn frenetisch. Er bewies einmal mehr, dass ein Poetry Slam nicht nur ein literarischer Wettbewerb, sondern auch eine hochkarätige Performance-Kunst ist.

Als letzte Vortragende der Runde betrat Dilara Yüksek aus Münster die Bühne. Obwohl sie mit einem ansteckenden, herzlichen Lachen ins Rampenlicht trat, gestand sie dem Publikum ehrlich ihre Nervosität – und räumte sofort mit einem Mythos auf: „Ich habe gehört, wenn man das dem Publikum sagt, dann wäre die Nervosität vorbei. Das kann ich nicht bestätigen.“ Dieser ehrliche, ungefilterte Beginn setzte den Ton für ihren gesamten Auftritt. Ihr Thema war das „Frausein“ – und damit die tief sitzende Diskrepanz zwischen innerem Wert und äußerer Projektion.

Dilara Yüksek startete ihren intensiven Vortrag mit einer deprimierenden Bestandsaufnahme der Anforderungen, denen sich Frauen ausgesetzt sehen. Sie prangerte die ständigen äußeren Vorgaben an, die Hinweise auf Äußerlichkeiten und das systemische Abtun von Fähigkeiten zugunsten des visuellen Eindrucks. Ihre zentrale These war eindringlich: „Das Wachsen einer Frau wird über nur über den Körper definiert. Alles wird von außen vorgegeben.“

Der Vortrag wirkte zu Beginn wie eine erschütternde Abrechnung mit dem gesellschaftlichen Druck, ständig jung, makellos und konform sein zu müssen. Sie nutzte ihre klaren Worte, um die unsichtbaren Ketten sichtbar zu machen, die Frauen in ihrer Selbstentfaltung hemmen. Doch statt im Deprimierenden zu verharren, drehte Dilara Yüksek die Geschichte im Finale zu einem triumphalen Aufruf zur Selbstbestimmung. Sie zitierte große, mächtige Frauen, deren Vermächtnis nichts mit ihrem Äußeren zu tun hatte. Sie hielt dem oberflächlichen Blick von außen die Tiefe des Charakters und der Leistung entgegen: Eine Mutter Teresa war nicht „jung und schön“. Eine Marie Curie hatte keine „lackierten Nägel“. Die Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado vertritt eigene, unerschütterliche Werte.

Mit diesem eindringlichen Schlussplädoyer verschob sie den Fokus von der Oberfläche zur Substanz. Ihr Vortrag riss das Publikum mit, das von der anfänglichen Schwere zur befreienden Erkenntnis geführt wurde. Dilara Yüksek lieferte den perfekten, emotionalen Abschluss der ersten Runde, indem sie bewies, dass wahre Weiblichkeit eine Haltung und eine Leistung ist, die von innen kommt.

In der Rückrunde des Poetry Slams, die in umgekehrter Reihenfolge stattfand, eröffnete Dilara Yüksek erneut den Reigen der Vortragenden. Nach der intensiven Abrechnung mit den gesellschaftlichen Anforderungen an Frauen im ersten Durchgang wählte sie für ihren zweiten Auftritt ein zutiefst persönliches und emotionales Thema: ihren Vater. Ihr Vortrag trug den bezeichnenden Titel „Vater Morgana“.

Mit bemerkenswerter Offenheit sprach Dilara Yüksek über einen Vater, der nie wirklich da war und die Familie verließ, als sie noch ein Kind war. Sie erzählte von der schmerzhaften Leerstelle, die er hinterließ, und den leeren Versprechungen und Vertröstungen, die die Abwesenheit des Vaters wie eine ständig unerreichbare Illusion erscheinen ließen – eben wie eine Fata Morgana. Sie formulierte die bittere Erkenntnis vieler, die auf die Einlösung familiärer Bindung hoffen, in einem scharfsinnigen Satz: „Nach später kommt nie.“ Ihre Worte waren tief, eindringlich und ließen das Publikum die Trauer und die Enttäuschung über den fehlenden Vater spüren, der einfach gegangen war. Doch wie schon in ihrem ersten Vortrag gelang es Dilara Yüksek, die anfängliche Schwere in eine Kraftquelle zu verwandeln. Der zweite Teil des Slams handelte von ihrem eigenen Wachsen und Lösen von dieser emotionalen Abhängigkeit. Es ging um das Unabhängig machen von dem Schmerz der Vergangenheit und von der Sehnsucht nach einer Vaterfigur, die nie existierte. Sie verstand es meisterhaft, diese tiefen, oft schmerzhaften Emotionen zu setzen, um am Ende triumphale und positive Gefühle beim Publikum zu hinterlassen. Die Geschichte ihrer verlorenen Bindung wurde zu einer Erzählung ihrer gewonnenen Stärke.

Dilara Yüksek zeigte erneut ihre beeindruckende Fähigkeit, persönliche Verletzlichkeit in einen universellen Triumph zu verwandeln, und riss das Publikum mit dieser Geschichte von Schmerz, Stärke und Selbstbefreiung erneut mit.

Nach dieser emotionalen Achterbahnfahrt von Dilara Yüksek trat Philipp Scharrenberg in die zweite Runde. Er eröffnete die Rückrunde mit der absurden Frage, warum jemand Meuchelmörder geworden sei. Die Antwort, lakonisch und bizarr: „Er wollte etwas mit Menschen zu tun haben.“ Das laute Lachen des Publikums zeigte, dass es für Scharrenberg bereit war, das Unerwartete zu akzeptieren.

Der Titel seines Hauptvortrags klang zunächst hochgestochen: „Deterministische Dilemmata“. Doch die hochtrabende Überschrift entpuppte sich schnell als satirische Auseinandersetzung mit der simpelsten und doch alles entscheidenden philosophischen Frage: dem „Was wäre, wenn?“. Scharrenberg lenkte den Fokus weg von komplexen globalen Netzwerken und hin zur banalsten aller Entscheidungen des Alltags: „Mit welchem Fuß stehe ich morgens zuerst auf?“ Er spann das Gedankenspiel rasant weiter. Wäre die Welt eine andere, hätte man sich für den anderen Fuß entschieden? Wäre Donald Trump nicht an die Macht gekommen, nur weil man den linken statt den rechten Fuß zuerst auf den Boden setzte? Existierte eine Parallelwelt, in der man in der gleichen Sekunde mit dem anderen Fuß aufgestanden wäre? Scharrenberg steigerte die Absurdität, indem er die Schicksalsfragen mit den scheinbar simplen Fragen der Sesamstraße verknüpfte: Wer? Wie? Was? Er stellte die verblüffende These auf: Wenn alle Entscheidungsmöglichkeiten durchgespielt werden, könnten dann am Ende Trump, Ernie und Bert zu einer einzigen, deterministischen Person verschmelzen? Das Publikum grölte vor Lachen und Begeisterung über diese wilden, aber scharfsinnigen Gedankengänge. Wie schon in der ersten Runde war es nicht nur der Text, sondern die Gestik und Körpersprache, die den Auftritt unvergesslich machten. Scharrenberg füllte die Bühne komplett aus, zelebrierte jeden philosophischen Sprung und jede absurde Verknüpfung mit vollem körperlichem Einsatz.

Die Achterbahnfahrt des Abends, die zwischen Dilara Yükseks emotionaler Befreiung und Philipp Scharrenbergs absurder Philosophie schwankte, fand mit Heidi Daniels ihren nächsten nachdenklichen Halt. Nach ihrer warmherzigen Weihnachtsode im ersten Durchgang wurde es in der Rückrunde stiller und ernster.

Heidi Daniels sprach über ein Thema, das Millionen Menschen in Deutschland betrifft und doch oft im Stillen ertragen wird: die Last der Alleinerziehung. Ihr Vortrag war eine ehrliche und schonungslose Beschreibung des Alltags, der von einer permanenten Müdigkeit geprägt ist. Sie beschrieb, wie sich das Gefühl des überfordert seins und des Gestresst seins einschleicht und zum ständigen Begleiter wird, wenn man allein die Verantwortung für Kinder und Haushalt trägt. Sie gab der Erschöpfung eine Stimme, die entsteht, wenn man gleichzeitig Job, Schule, Krankheit und finanzielle Sorgen managen muss – ohne eine sofort verfügbare zweite Hand. Besonders eindringlich wurde der Vortrag durch die Thematisierung des fehlenden Erzeugers. Sie sprach nicht nur über die fehlende physische Unterstützung im Alltag, sondern auch über die emotionale Leerstelle, die diese Abwesenheit bei der alleinerziehenden Person und beim Kind hinterlässt.

Obwohl der Inhalt tiefgreifend und nachdenklich stimmte, gelang es Heidi Daniels, die Zuhörer mit ihrer ruhigen, empathischen Vortragsweise zu fesseln. Sie schaffte es, die immense Leistung und den Mut der Alleinerziehenden anzuerkennen, indem sie die Realität ihrer Belastung offenlegte. Ihr Beitrag war eine notwendige Mahnung und zugleich eine stille Hommage an die Stärke, die in der täglichen Bewältigung dieser Herausforderung liegt.

Zu guter Letzt betrat Tobias Beitzel die Bühne, um die zweite Runde abzuschließen und den Abend ebenso witzig und absurd zu beenden, wie er begonnen hatte. Der Profi-Slammer leitete seinen Vortrag mit einer Reminiszenz an eine Medienfigur ein, die seiner Meinung nach die Absurdität des Lebens perfekt verkörperte: Arno Dübel. Beitzel erinnerte das Publikum an Dübel, den „überzeugten und erfolgreichen Arbeitslosen“, der in den frühen 2000 er Jahren durch die Medien gereicht wurde und in zahlreichen Talkshows seine Arbeitsverweigerung zelebrierte. Die Essenz dieser absurden Karriere brachte Beitzel auf den Punkt: Dübels konsequente Antwort auf jedes ernsthafte Arbeitsangebot war schlichtweg: „Nö.“ Für Beitzel war diese Haltung der ultimative Beweis dafür, dass das Leben in seinen realen Auswüchsen bereits „absurd genug“ sei. Seinen Vortrag über den Meister des „Nö“ beendete Beitzel mit einem satirischen Höhepunkt, der die Mediengeschichte auf die Spitze trieb und das Publikum zum Toben brachte: den unglaublichen Fakten zu Dübels Ableben. Der Mann, der zeitlebens jegliche Verantwortung abgelehnt hatte, sorgte auch nach seinem Tod für einen Behörden-Albtraum. Das zuständige Amt – jene Institution, deren Leistungen Dübel so konsequent in Anspruch nahm – übernahm die Beerdigungskosten des verstorbenen Arbeitsverweigerers. Doch die Verwaltung erlebte eine letzte, tragikomische Hürde: Sie fanden den Leichnam nicht.

Beitzel spielte diesen Moment genüsslich aus. Die Pointe war perfekt: Arno Dübel, der sich sein Leben lang dem Zugriff des Staates entzog, war selbst im Tod für die Bürokratie unerreichbar. Sein „Nö“ schien über den Tod hinauszuwirken. Das Publikum grölte bei diesem unglaublichen Twist der Wirklichkeit, der bewies, dass die besten Geschichten oft nicht erfunden, sondern vom kuriosen Alltag selbst geschrieben werden.

Die Begeisterung der Besucher in der Erkrather Stadthalle war spürbar. In der Pause zeigten sich viele Zuschauer von dem Format restlos überzeugt. Gaby und Gisela aus Erkrath haben den nächsten Poetry Slam bereits fest im Kalender vermerkt. Gisela, die das Format aus ihrer Heimat Stemwede kennt, und die Erkrather „Ersttäter“ Edith und Mike versicherten, dass sie zu Wiederholungstätern werden würden. Auch jüngere Zuschauer wie Carla und Deana waren begeistert und kürten spontan Dilara Yüksek zu ihrer Favoritin.

Als es zur Applausentscheidung des Publikums kam, war es eindeutig Dilara Yüksek, die zur Siegerin auserkoren wurde. Sie bekam als kleine Siegertrophäe eine goldene Sternskulptur, Tinka, das Plüsch Neanderhal-Mammut und die Tragetasche, die zum Einsammeln kleiner Präsente durch die Zuschauer kreiste.

Das Fazit des Abends fällt trotz der ungewohnten Location positiv aus. Obwohl die Stadthalle mit einem Fassungsvermögen von rund 650 Plätzen bei nur 150 Besuchern optisch etwas leer wirkte, konnte die Stimmung dank der exzellenten Wortakrobaten gehalten werden. Insbesondere Moderator Jan Schmidt, der stimmungsmäßig alles aus sich herausholte, trug maßgeblich dazu bei, dass der Abend kurzweilig und unterhaltsam war. Die Auftritte bewiesen einmal mehr, wie ein Poetry Slam es schafft, tiefgründige Themen und ausgelassenen Humor perfekt zu verbinden.