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Gefangen in den eigenen vier Wänden

Gefangen in den eigenen vier Wänden
Sie sind empört: Hanna Eggerath und Heinz Nischk sind nur zwei der insgesamt 47 Parteien des sechsstöckigen Mietshauses, in dem seit Weihnachten der Aufzug defekt ist und es wohl auch viele weitere Wochen bleiben wird. FOTO: RG
Hochdahl. Es gibt Weihnachtsgeschenke, auf die könnte man verzichten. Das dachten die Mieter eines sechsstöckigen Wohnhauses am Hochdahler Markt, als zu Weihnachten der Aufzug ausfiel.

(RG) Viele Mieter dieses Wohn- und Geschäftshaus wohnen vor allem wegen der Barrierefreiheit und den zentralen Einkaufsmöglichkeiten in diesem Haus. Ein Teil von ihnen ist auf einen Rollator angewiesen, um sich überhaupt noch zu Fuß fortbewegen zu können, einige sitzen im Rollstuhl und junge Familien nutzen den Fahrstuhl, weil sie den Kinderwagen bis in die oberen Etagen transportieren müssen. Seit fünf Wochen ist das nicht mehr möglich. Am 10. Januar haben wir mit Betroffenen vor Ort gesprochen. Unter ihnen Hanna Eggerath und Heinz Nischk, die in der zweiten Etage des Hauses wohnen. Während für Hanna Eggerath vor allem die Einkäufe beschwerlicher geworden sind, sind die Treppenstufen ins Erdgeschoss für Heinz Nischk nicht überwindbar. Ohne seinen Rollator kann sich der Rentner nicht mehr auf eigenen Füßen fortbewegen. "In der fünften Etage wohnt ein jüngerer Mann, der im Rollstuhl sitzt. Er kann seine Wohnung seit Weihnachten auch nur noch verlassen, wenn ein Krankentransport ihn für Arztbesuche abholt", erzählt uns Hanna Eggerath.

Wir besuchten auch ihn. Der Aufstieg in die fünfte Etage hat uns schwer atmen lassen. Jakob Ulrich öffnete uns die Tür. Wie Hanna Eggerath und Heinz Nischk hat auch er sich an die Hausverwaltung gewandt, die oft schwer telefonisch erreichbar ist. Die Auskünfte, die alle erhielten, sind vage. Von weiteren fünf bis sechs Wochen bis zu Reparatur ist die Rede. Jakob Ulrich wurde zumindest angeboten die Einkäufe des täglichen Lebens vom zuständigen Hausmeister erledigen zu lassen. "Ich habe noch nicht ausprobiert, ob das funktionieren würde. Die Einkäufe erledigen andere Menschen für mich, aber ich sehne mich danach selbst die Wohnung verlassen zu können, um andere Menschen zu treffen, frische Luft zu atmen", sagte er uns. Für Arztbesuche übernimmt die Krankenkasse die Transportkosten. Helfer müssen ihn dann aus der fünften Etage ins Erdgeschoss tragen und nach dem Arztbesuch auch wieder nach oben. "Mir bleibt momentan nur die Balkontür, um ein wenig frische Luft zu schnappen und die Ausflüge beschränken sich auf die Länge des Etagenflurs", erklärte er uns traurig. Direkt nebenan stand ein Kinderwagen vor der Wohnungstür. Wir mochten uns gar nicht vorstellen, wie es ist, diesen in die fünfte Etage zu tragen.

Der defekte Aufzug ist zwar der schlimmste Mangel im Haus, aber nicht der einzige. "Seit dem Sommer ist das Schloss der hinteren Türe defekt", sagte Heinz Nischk bei unserem Besuch. Die Türe, die er anspricht, führt zu den Garagen und zu den Mülltonnen des Hauses. Wer die Türe unbedachter Weise zufallen ließ, war gezwungen den Weg über den Hochdahler Markt zum Vordereingang anzutreten. Seit einiger Zeit schließt diese Tür gar nicht mehr und lässt den Zugang zu Haus und Keller für Fremde offen. "Am 17. Januar hat sich jemand im Kellerflur übergeben. In eine Ecke hat jemand uriniert", berichtete Hanna Eggerath uns in der letzten Woche. Nachbarn hatten darüber hinaus Jugendliche angetroffen, die den Flur nutzten um im Warmen eine Zigarette zu rauchen.

In der letzten Woche erhielten alle Mieter ein Schreiben der Hausverwaltung, welches sie nun, nach fünf Wochen, auch schriftlich davon in Kenntnis setzte, dass der Aufzug kaputt ist und die Instandsetzung in Auftrag gegeben wurde. In dem Schreiben heißt es "Da es sich bei dem defekten Ersatzteil um eine Sonderanfertigung handelt, wird die Lieferung und lnstandsetzung rund acht bis zehn Wochen in Anspruch nehmen, so dass die Aufzugsanlage voraussichtlich in der 13. Kalenderwoche 2019 wieder in Betrieb genommen wird. Sollten sich Änderungen ergeben, so werden wir Sie rechtzeitig darüber informieren. Wir bitten um Ihr Verständnis und stehen Ihnen bei Fragen gerne zur Verfügung."

Das Schreiben ist vom 22. Januar. Am gleichen Tag hatten wir uns mit einigen Fragen per Email an die Hausverwaltung gewandt. Das mag ein Zufall sein. Eine Antwort auf unsere Fragen haben wir bis Redaktionsschluss nicht erhalten. Auch telefonisch konnten wir die Hausverwaltung nicht erreichen. Nach dem dritten Klingelton springt die Verbindung auf das Besetzzeichen. Unsere Fragen bleiben unbeantwortet und Mieter, wie Heinz Nischk und Jakob Ulrich wohl auch über viele weitere Wochen in ihren Wohnungen gefangen.